Souveränität 2.0: Warum sich die Cloud-Fehler bei KI nicht wiederholen dürfen
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Auch dieses Jahr wurde viel über die Bedeutung von künstlicher Intelligenz und digitaler Souveränität geredet. Der Sommer 2026 zeigt, wie akut die Debatte über die Schnittmenge beider Themen inzwischen ist. Ende Juli hackte sich ein noch unveröffentlichtes KI-Modell von OpenAI nach einem Ausbruch aus seiner Sandbox-Umgebung eigenständig in Systeme des KI-Unternehmens Hugging Face. Wenig später räumte auch Anthropic ein, dass mehrere Claude-Modelle bei Sicherheitstests unautorisiert in reale Unternehmenssysteme eingedrungen waren. Solche Kontrollverluste ausgerechnet bei den Anbietern, auf die europäische Unternehmen ihre KI-Strategie stützen, zeigen, wie wenig ausgereift die Sicherheitsarchitektur hinter der aktuellen KI-Welle noch ist.
Auch auf Anbieterseite bewegt sich viel. Auf seiner Build-Konferenz im Juli 2026 stellte Microsoft sieben komplett intern entwickelte KI-Modelle vor, um unabhängiger von den Partnern OpenAI, Anthropic und Google zu werden. Für europäische Kunden bedeutet dieser Kurswechsel vor allem eines: Die Machtkonzentration bei einem einzigen Cloud-Anbieter nimmt weiter zu, statt durch mehr Wettbewerb aufgebrochen zu werden.
KI-Souveränität entscheidet über die nächste Abhängigkeitsfalle
Künstliche Intelligenz ist eines der zentralen Wachstumsthemen der Wirtschaft, dennoch bleiben die Erfolge oft hinter den Erwartungen zurück. Der Kyndryl-Readiness Report zeigt, dass 46 Prozent der Unternehmen keinen positiven ROI in ihren KI-Investitionen sehen, während 62 Prozent nicht über die Experimentierphase hinauskommen. Häufig fehlen klare ROI/TCO-Kriterien, eine strategische Use-Case-Priorisierung und belastbare Pilot-Metriken. KI-Projekte dürfen kein Selbstzweck sein, sondern sollten als Business-Initiativen mit definierten Zielen verstanden werden.
Ohne belastbare Governance-Struktur und Kontrollmechanismen gehen mit der zunehmenden Integration von KI hohe Risiken einher, wie die Vorfälle bei OpenAI und Anthropic gerade eindrücklich gezeigt haben. Gleichzeitig verstärkt sich die digitale Abhängigkeit weiter, je tiefer KI in kritische Geschäftsprozesse eingebettet wird. Diese Ausbreitung stellt Europa vor die nächste Souveränitäts-Krise, warnt Professor Dr. Harald Wehnes, Sprecher des Präsidiumsarbeitskreises „Digitale Souveränität“ der Gesellschaft für Informatik e.V. „Wir dürfen nicht dieselben Fehler wiederholen wie bei der Cloud“, sagt der IT-Spezialist im Interview mit CloudComputing-Insider. Wehnes empfiehlt, europäische KI-Modelle zu nutzen und in einem geschlossenen Umfeld zu betreiben, am besten im eigenen Rechenzentrum. Auch er hält die souveränen Cloud-Angebote der Hyperscaler für Etikettenschwindel.
Souveränitäts-Washing bei den Hyperscalern
Microsoft, Amazon und Google haben längst erkannt, dass digitale Souveränität in Europa zum schlagkräftigen Verkaufsargument geworden ist. Alle drei Hyperscaler haben mittlerweile sogenannte europäische souveräne Clouds vorgestellt, mit denen sie sich als Hüter der Unabhängigkeit inszenieren. Sie werben mit Air-gapped-Szenarien, isolierten Regionen und einer operativen sowie technischen Trennung vom amerikanischen Mutterkonzern. Gerade erst ging die AWS European Sovereign Cloud an den Start, die vollständig von der normalen AWS-Infrastruktur abgekoppelt sein soll und ausschließlich von Mitarbeitenden mit Wohnsitz in der EU betrieben wird.
Bei allen Bemühungen, möglichst europäisch zu wirken, trügt der schöne Schein, denn solange Technologie, Sicherheitspatches und Updates aus den USA kommen, sind die Angebote niemals wirklich unabhängig. Die Entscheidungsmacht, ob Services weiterentwickelt oder Sicherheitslücken geschlossen werden, bleibt beim ausländischen Hersteller.
Portability-by-Design als Fundament digitaler Souveränität
Wahre Eigenständigkeit beginnt damit, sich bestehender Abhängigkeiten, Risiken und Kosten bewusst zu werden und sie Schritt für Schritt abzubauen. Dafür brauchen Unternehmen und Behörden die Fähigkeit, geschäftskritische Systeme rechtlich, technisch und wirtschaftlich selbstbestimmt zu betreiben. Zu den wichtigen Werkzeugen zählen offene Standards, hybride Architekturen mit automatisierter Governance sowie Multi-Sourcing-Strategien. Wie schnell sich eine europäische Alternative aufbauen lässt, zeigt Mistral AI: Das Unternehmen hat in Frankreich ein Rechenzentrum mit rund 13.800 GPUs in Betrieb genommen und verhandelt eine Finanzierungsrunde von etwa drei Milliarden Euro.
Oft noch unterschätzt wird zudem die Bedeutung des Software-Sekundärmarkts als wirksames Instrument, um Lock-in-Effekte zu reduzieren, Kosten zu senken und Entscheidungsfreiheit zurückzugewinnen. Denn wenn Unternehmen Software besitzen, statt sie zu mieten, können sie diese unabhängig nutzen und mit gebrauchten Lizenzen Kosten sparen. Souveränität zurückzugewinnen, gelingt nicht in einem Big Bang, sondern erfordert eine konsequente Entkopplungs-Strategie, um sich schrittweise aus jahrzehntelang gewachsenen Abhängigkeiten zu lösen.
Im Hinblick auf die KI-Transformation haben Unternehmen und Behörden jetzt die Chance, gleich die richtigen Entscheidungen zu treffen und darauf zu achten, dass ein Anbieterwechsel jederzeit möglich bleibt. Portabilität lässt sich etwa durch Infrastructure as Code, Policy-as-Code, Containerisierung und offene Schnittstellen sicherstellen. Hybride Infrastrukturen, die Clouds verschiedener Anbieter und On-Premises-Systeme kombinieren, sowie der Einsatz von Gebrauchtsoftware in BYOL-Modellen schaffen die Voraussetzung, um die Gesamtbetriebskosten nachhaltig zu kontrollieren. Zusätzlich lohnt sich der Blick auf offene Schnittstellenstandards und vertraglich abgesicherte Datenexportrechte, damit ein Wechsel im Ernstfall nicht am Kleingedruckten scheitert. So können Unternehmen und Behörden die Machtstrukturen der großen Hyperscaler aufbrechen und mit gestärkter digitaler Souveränität in eine selbstbestimmte Zukunft steuern.
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